Samstag, 5. Mai 2012



Mit Lust und Liebe für die einfache Küche

Wie Gabrielle Hamilton es zu einem florierenden Lokal
in New York brachte

Mit 17 Jahren kellnert die Halbfranzösin Gabrielle
in einer Bar in New York und macht illegale
Geschäfte. Sie verdient dadurch in einem Jahr
über 90.000 Dollar, fliegt nach Aspen zum Skifahren
und bezahlt ihrer geschiedenen Mutter die Strom-
und Telefonrechnungen. Als ihr Arbeitgeber wegen
der gestohlenen Schecks eine Szene macht, braucht
sie Rechtsbeistand. Ihr Bruder Dimitri, der in
Brooklyn lebt, hilft ihr. Da sie minerjährig ist,
wird die Anklage schnell fallengelassen. Die Anwältin
rät Gabrielle dennoch, den Bundesstaat besser zu
verlassen. Gabriele, die als Scheidungskind mit
einer französischen Mutter in Vermont aufwuchs,
versucht mehrere wissenschaftliche Anläufe am New
Hampshire College, bewirbt sich an einer Universität
in Iowa und wird schlussendlich an der University
of Michigan mit einem Stipendiumsscheck von 1000 Dollar
angenommen, Literatur zu studieren. Sie ist überglücklich,
doch ihr Herz schlägt nach wie vor für die Gastronomie.
Sie arbeitet bis zum Umfallen bei einem Catering-Service
bei Misty, macht 23,5-Stunden-Schichten, verbrüht sich
an heißem Dampf und schläft schon mal auf dem Fußboden.
An der Uni fühlt sie sich nie richtig heimisch. Sie,
die Tellerwäscherin kann nicht mithalten mit den
Intellektuellen. Das denkt sie zumindest. Aber Gabrielle
will sich nach dem Desaster in New York rehabilitieren
und macht ihren Abschluss. Wohl wissen, dass sie keine
akademische Laufbahn eingehen wird. "Es ist schon ein
harter Schlag, wenn man sich eingestehen muss, dass man
für das, was einem so viel bedeutet, nicht gemacht ist",
bekennt sie in ihren Erinnerungen. Ferner fehlt der vor
Energie nur so strotzenden jungen Frau die körperliche
Anstrengung in der Küche und die ehrliche Sprache, die
sie von New York her kennt. Da wusste sie sofort, wer
ihr wie gesonnen war. Obwohl in Gabrielle Hamilton die
Liebe zu gutem Essen immer innewohnte, wollte sie kein
eigenes Lokal errichten. Schon gar nicht in New York.
Doch es kam wie es kommen musste. Sie trifft auf Eric,
der ihr ein heruntergekommenes, mit Rattenkot und
vergammeltem Essen versifftes, ehemaliges französisches
Bistro zeigt. Die abenteuerlustige Halbfranzösin packt
der Ehrgeiz und sagt zu. Sie krempelt die Ärmel hoch,
putzt mit Dampfreiniger, stellt Rattenfallen auf. Davor
jedoch bereist sie die halbe Welt auf eigene Faust mit
wenig Geld und viel Hunger. Diese Reisen prägen sie.
Sie will Eigenheiten aus Griechenland und Dehli mit
nach New York in ihr neues Restaurant "Prun" bringen.
Wer nur eine halbe Flasche Wein trinken will, soll sie
bekommen und nur die Hälfte bezahlen. Da sie so oft
Hunger gelitten hat, will sie Speisen anbieten, die
satt machen. Der Name "Prune" bedeutet "Pfläumchen".
So hatte ihre Mutter sie immer genannt. Der Arbeitseifer
der neuen Restaurantbesitzerin ist nicht zu bremsen. Sie
fordert alles von sich und ihren Angestellten. Sechs
Omelettepfannen sind gleichzeitig in Betrieb und somit
in sechs Minuten sechs Omelettes. Es gibt Muffins mit
Butter, Ricotta mit Birnen und Feigen, Räucherfisch,
Spaghetti Carbonara mit Pancetta. Die Hitze in der
kleinen Küche stört sie nicht, im Gegenteil. Gabrielle
mag sie. Aber es stört sie, dass Mitarbeiter schlapp
machen. Wer nicht mithalten kann, wird entlassen.
Und sie selbst wird ausgerechnet kurz vor der Geburt
ihres zweiten Sohnes von ihrem Chef de Partie, einem
Koch im Stich gelassen. Gabrielle jongliert Ehemann
Michele, zwei Söhne und das kleine Restaurant mit einer
aufopfernden, fast unfassbaren Energie einer Turbine
und macht heute einen Umsatz von zwei Millionen Dollar
im Jahr in New York, worauf sie sehr stolz ist.
Nur eines scheint die Selfemade-Woman nicht zu kennen:
die Muße. Sie wirkt, als ob sie am glücklichsten ist,
wenn sie sich verausgabt, den Motor auf Hochtouren
laufen lässt und nicht beim Müßiggang wie dem Betrachten
des Meeres.
(c) Corinna S. Heyn


Gabrielle Hamilton,
Blood, Bones & Butter.
Mein Leben ohne Rezept.
Aus dem Englischen von Heike Schlatterer.
Karl Blessing Verlag 2012. PB.
Preis: 14,95 Euro
www.blessing-verlag.de